Sonntag, 28. Juni 2009

Vom Wert der Emotionen

Immer wieder bemühen sich Organisationen, Entscheidungen emotionslos zu fällen. In Diskussionen sollen Emotionen zurückgehalten werden, um Konflikte zu vermeiden. imageWo kämen wir auch hin, wenn jeder ständig seinen Gefühlen nicht nur nachgehen, sondern auch noch Ausdruck verleihen würde? Rationalität ist das Gebot der Entscheidungsstunde. Außerhalb privater Beziehungen wird auf Emotionslosigkeit immer wieder als kleinstem gemeinsamem Nenner und Fundament für das gemeinschaftliche Aus- und Vorankommen verwiesen.

Die Soziokratie scheint nun auch in dieses Horn zu stoßen, wenn sie eine “Herrschaft des Arguments” aufrichten will. Denn Emotionen sind keine Argumente, d.h. keine “Beweismittel”. Mit ihnen lässt sich keine These belegen. Wenn als Entscheidung in einem Verein ansteht, den Mitgliedsbeitrag zu erhöhen, dann belegt ein Unwohlsein bei einigen Mitglieder nichts. Ärger, der hinter einem Ausruf wie “Eine Beitragserhöhung lehne ich kategorisch ab!” stehen mag, ist keine These und begründet auch keine.

Sollen Organisationen damit nun endlich durch Soziokratie in einem kalten Computerzeitalter ankommen? Sollen Menschen zwar in einem Kreis sitzen, aber gefälligst ihre Gefühle außen vor lassen?

Das Gegenteil ist der Fall!

Emotionen sind zwar selbst keine Argumente – doch die Soziokratie schätzt sie sehr. Abgesehen von der Unmöglichkeit, seine Emotionen außen vor zu lassen, sind Emotionen wertvolle Indikatoren. Gemeint sind hier natürlich negative Emotionen oder allgemeiner negative Empfindungen. Positive stehen Entscheidungen selten im Wege.

Ärger, Wut, Enttäuschung, Neid, Eifersucht, Unsicherheit, Trauer… das alles fühlt sich nicht schön an. Nichtsdestotrotz führen Entscheidungssituationen immer wieder dazu, dass wir so empfinden. Daran können wir kaum etwas ändern. Also sollten wir das beste daraus machen. Statt negative Empfindungen zu verdrängen oder zu ignorieren, sollten wir esser konstruktiv mit ihnen umgehen. Genau das tut die Soziokratie.

Autokratie interessiert sich gewöhnlich nicht für die Empfindungen von Befehlsempfängern. Demokratie zählt Stimmen – egal, wie die zustandekommen; wenn ein Konsensprozess die Emotionen kochen lässt, dann ist der Demokratie das egal. Es ist nicht ihr Thema.

Die Soziokratie hingegen verwendet viel Mühe darauf, nicht geheim, sondern immer offen jedes Kreismitglied nach seinem Standpunkt zu fragen. Auch bei Wahlen!

Der Prozess der Konsententscheidung verläuft in Runden:

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In jeder Runde haben alle Beteiligten nicht nur Gelegenheit, sich zur anstehenden Entscheidung zu äußern, sie werden sogar aktiv nach ihrer Sicht befragt. Wie sie sich dann (im Rahmen des gegenseitigen Respekts und der guten Sitten ;-) äußern dürfen, ist jedoch aus gutem Grund nicht festgelegt.

Emotionale Äußerungen sind also absolut in Ordnung und durch die persönliche Ansprache in den Runden auch sehr wahrscheinlich. Niemand soll seine Empfindungen verbergen.

Der Grund dafür ist simpel: (Unreflektierte) Empfindungen sind erstens authentische Äußerungen. Damit sind sie untrennbar von den Menschen, die in einem Kreis sitzen, der ihnen dienen soll. Sie auszuklammern würde bedeuten, nicht vollständig am Kreis teilzunehmen.

Wichtiger jedoch ist das, worauf emotionale Äußerungen hinweisen können: auf gute Gründe, auf Bedürfnisse und auf Missverständnisse.

Missverständnisse lauern überall. Sie führen quasi unweigerlich zu Konflikten. Sie möglichst schnell aufzudecken, ist also hilfreich für jede Entscheidung. Ob ein Missverständnis vorliegt, lässt sich jedoch nur schwer durch direkte Befragung ermitteln. “Wer hat noch ein Missverständnis?” in den Kreis zu fragen, ist da nicht zielführend. Viel einfacher geht es, wenn der Kreis Emotionen zulässt. Wenn dann zum Thema Vereinsbeitragserhöhung sich zunächst nur Ärger äußert, dann kann man nachhaken – und vielleicht stellt sich heraus, dass der Ärger nicht per se an einer Beitragserhöhung, sondern an einer Detail hängt, zu dem eine Fehlinformation vorliegt. Vielleicht macht nur eine Beitragserhöhung innerhalb der nächsten 6 Monate Ärger. Wenn sich dann herausstellt, dass sie erst in 12 Monaten geplant ist, ist ein Missverständnis ausgeräumt – dank emotionaler Äußerung.

Sind alle Missverständnisse ausgeräumt, stellt sich die Frage, ob Emotionen Verkleidungen für gute Gründe oder substanzielle Einwände gegen einen Beschluss sind. Die Komplexität eines Sachverhalts oder Zeitdruck können den Blick einschränken, so dass Beschlüsse zur Diskussion gestellt werden, die gegen die Ziele eines Kreises verstoßen. Das muss nicht sofort erkennbar sein; sonst wäre ein Vorschlag ja womöglich auch gar nicht erst gemacht worden. In der Runde und durch die Diskussion mag sich jedoch der Eindruck verdichten, dass irgendetwas nicht mit einem Vorschlag stimmt. Das drückt sich dann zunächst in Emotionen aus. “Ich habe kein gutes Gefühl, wenn wir unser Produkt mit der neuen Eigenschaft XYZ aufmotzen.” könnte ein emotionaler Einwand in einem Unternehmenskreis sein. Natürlich fragt dann der Kreis nach. Die Empfindung darf nicht im Raum stehenbleiben. Ihr muss auf den Grund gegangen werden; ausgehend von der Emotion ist das dahinterliegende Argument zu finden. Es kann sich immer herausstellen, dass hinter einer Emotion ein gewichtiger Einwand steht: Die Eigenschaft XYZ steht im Widerspruch zum Ziel, umweltfreundliche Produkte herzustellen. In der Euphorie, eine Eigenschaft gefunden zu haben, die das Produkt aufwertet, war das nicht bedacht worden. Nicht immer können alle Beteiligten alle Ziele komplette im Auge behalten. Aber die Kreissitzungen geben die Sicherheit, dass am Ende Vorschläge von vielen Augen begutachtet und von vielen Hirnen bedacht und mit den Zielen abgestimmt werden. So auch in diesem Beispiel. Ausgehend von einer Empfindung konnte ein Abweichung festgestellt werden. Der Kreis ist der Hüter seiner Ziele. Und Emotionen sind gute Signale, die auf Zielabweichungen hindeuten können.

Ohne Missverständnis und ohne Abweichung vom Ziel kann eine negative Emotion allerdings noch in einer weiteren Hinsicht als wesentlicher Einwand gelten. Sie kann auf eine Unterspezifikation image der Ziele hindeuten. Emotionen stehen für Bedürfnisse. Und Kreise sind die Orte, um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen. Nicht unbedingt immer jedes Einzelne, aber im Rahmen eines Gesamtzwecks einer Organisation doch möglichst viele. Wenn sich eine Wohngemeinschaft soziokratisch organisiert und das Ziel “Harmonisches Zusammenleben” definiert, dann steht dem der Beschluss “Anschaffung eines Haustieres” nicht per se entgegen. Ohne Missverständnis und substanziellen Einwand in Bezug auf das definierte Ziel, kann eine emotionale Äußerung wie “Ein Haustier passt mir gar nicht in den Kram!” jedoch wesentlich und für die Gemeinschaft hilfreich sein. Warum passt dem Einwändenden ein Haustier nicht in den Kram? Weil er glaubt, damit Mühe zu haben? (Hier könnte ein Missverständnis vorliegen.) Oder sieht er dadurch die Harmonie innerhalb der Gemeinschaft gefährdet? (Hier könnte eine Zielabweichung liegen.) Nein, der Einwändende sieht ein Problem darin, dass eine immer größere Zahl von Menschen unter Tierhaarallergien leidet und es deshalb (für ihn oder andere Gemeinschaftsmitglieder) schwierig sein könnte, Partner oder Gäste einzuladen. Solche Flexibilität/Offenheit erscheint der Gemeinschaft natürlich wünschenswert. So erweitert sie ihre Zieldefinition auf “Harmonische, gastfreundliche und gesundheitsbewusste Gemeinschaft”. Sie erkennt damit an, dass das Bedürfnis nach Harmonie nicht das vordringlich bei Beschlüssen zu berücksichtigende ist.

Emotionen, dumpfe Befindlichkeiten sind also legitime Ausgangspunkte für Argumente. Die Soziokratie heißt sie daher willkommen. Allerdings: Emotionen sind nur der Anfang. Sie sind das Ende eines Fadens, an dem das Argument aus den tiefen des Unterbewussten oder des Herzens ans Tageslicht gezogen werden muss. Emotionen allein sind kein begründeter Einwand, denn bloße Freiheit von negativen Emotionen gehört selten zum Ziel eines Kreises.

Die Soziokratie misst also den Emotionen hohen Wert bei, auch – oder gerade weil – sie für eine Herrschaft des Argumentes plädiert.