Montag, 9. Februar 2009

Entscheidungen unterscheiden

Wo im Unternehmen sich Soziokratie entfalten soll, hat schon der Artikel über Führung vs. Tagesgeschäft thematisiert. Weil diese Positionierung aber so wichtig ist, hier noch eine weitere Perspektive: Um welche Entscheidungen geht es in soziokratischen Kreisen eigentlich?

Zwei Begriffe Entscheidungsanlässe oder -zwecke lohnen sich zu unterscheiden:

  • Ausführungsentscheidung
  • Rahmenentscheidung

Ausführungsentscheidungen sind Entscheidungen, die sich darum drehen, was konkret getan werden soll. Es sind Entscheidungen im operativen Geschäft. Das wird zwar durch die Grundsätze und die Politik der Führung schon in gewisse Bahnen gelenkt; aber innerhalb dieser Bahnen müssen und sollen natürlich weitere Entscheidung aufgrund der lokalen Datenlage getroffen werden. Vorgesetzte und ihre Mitarbeiter führen aus, was andere in einem größeren Zusammenhang als Leitlinie vorgeben. Dazu treffen sie Ausführungsentscheidungen. Mit ihnen koordiniert der Vorgesetzte auch seine Mitarbeiter.

Rahmenentscheidungen sind solche, die den Rahmen für das Tagesgeschäft festlegen. Die Führung eines Unternehmens trifft diese Entscheidungen. Sie definieren Grundsätze und Politik der Organisation und sollen insbesondere von der Linie ausgeführt werden.

Die Soziokratie konzentriert sich nun auf diese Rahmenentscheidungen. Alle Entscheidungen, die den Rahmen für das Tagesgeschäft aufspannen - z.B. Welche Mindestqualität sollen die Produkte haben, die das operative Geschäft einkauft? Wer soll im operativen Geschäft koordinieren und Ausführungsentscheidungen treffen? Wie soll der Prozess zur Bewilligung von Urlaubsanträgen aussehen? -, diese Entscheidungen sollen im soziokratischen Konsent getroffen werden.

Wie das Tagesgeschäft zu Ausführungsentscheidungen kommt, darüber macht die Soziokratie keine nähere Aussage. Auch das wird vielmehr in einer organisationsindividuellen Rahmenentscheidung definiert. Und so verträgt sich die Soziokratie mit der Autokratie und auch der Demokratie. Denn ein soziokratischer Führungskreis kann natürlich entscheiden, dass bestimmte Ausführungsentscheidungen autokratisch und andere demokratisch gefällt werden sollen.

Sonntag, 8. Februar 2009

Warum sollte eine Gemeinschaft überhaupt führen?

Der Soziokratie geht es um die Führung von Organisationen. Ihr Ziel ist es, bisheriges autokratisches Management durch soziokratische Selbst-Führung zu ersetzen.

Aber warum sollte eine Organisation überhaupt durch die Gemeinschaft ihrer Mitglieder geführt werden? Oder spezifischer: Warum sollte ein Unternehmen durch die Gemeinschaft seiner Mitarbeiter geführt werden?

Soziokratie ist leer

Geht es um Gerechtigkeit? Geht es um Menschlichkeit? Geht es um eine bessere Welt und die Abschaffung jeder Unterdrückung der Vielen durch wenige Mächtige?

Das mag jeder Vertreter der Soziokratie für sich persönlich entscheiden. Die Soziokratie selbst als Methode jedoch ist solchen Fragen gegenüber indifferent. Die Soziokratie ist im doppelten Sinne leer: weder bezieht sie sich auf eine bestimmte Art von Organisation oder Branche, noch ist sie moralisch im herkömmlichen Sinn.

image Soziokratie ist ein Werkzeug. Nicht mehr, nicht weniger. Insofern kann sie richtig oder falsch, zum Guten oder zum Schlechten eingesetzt werden.

Also nochmal die Frage: Warum empfiehlt die Soziokratie die Führung einer Organisation durch ihre Mitglieder?

Der autokratische Homunkulus

Autokratie mag effizient sein - aber ist Autokratie auf effektiv?

Wikipedia definiert:

* Effizienz ist ein Maß für die Wirtschaftlichkeit (Kosten-Nutzen-Relation).

* Effektivität ist ein Maß für die Zielerreichung (Wirksamkeit, Qualität der Zielerreichung).

Peter Drucker hat das dann verkürzt auf:

* Effizienz: „Die Dinge richtig tun.“

* Effektivität: „Die richtigen Dinge tun.“

Die Prämisse der Autokratie ist, dass der Autokrat weiß, was das Ziel ist bzw. sein sollte und durch seine Macht die Qualität der Zielerreichung sicherstellen kann. Es kommt dann nur noch darauf an, dass das auch effizient geschieht. "Nicht lang schnacken..." ist das Motto der Autokratie; lieber zügig anpacken, so wie es der Autokrat durch seine Rahmenbedingungen vorgibt. Er weiß, was richtig ist und er definiert auch die Grundsätze dafür, wie das dann richtig getan wird.

image Bei der Autokratie hängen Wissen und Wille und Macht unmittelbar zusammen.

Damit ist der Autokrat quasi der Homunkulus im sozialen System seines Unternehmens: er kennt das Ziel, er überwacht den Weg dahin, er befiehlt die Bewegungen seiner Glieder, er definiert den Weg für die Ausführung.

Autokratie hat den Sinn für´s Richtige verloren

Soziokratie bezweifelt nicht, dass Autokratie eine effiziente Führungsmethode ist. Soziokratie stellt sich daher auch nicht gegen die Autokratie per se. Sie möchte sie nur auf den Platz verweisen, wo sie ihre Vorteile ausspielen kann. Das aber ist heute eben nicht mehr die Führung von Organisationen.

Warum nicht? Autokratie ist heute ineffektiv! Die Prämisse der Autokratie gilt nicht mehr. Der Autokrat bzw. die autokratische Struktur ist heute zunehmend unfähig, das Organisationsziel zu bestimmen und auch noch zu definieren, wie es zu erreichen ist.

Autokratie hat den Sinn dafür verloren zu beurteilen, was richtig ist und wie der richtige Weg dorthin aussieht.

So ist die Umsetzung unter der Führung von Autokratie vielleicht noch effizient - aber es wird das falsche Ziel effizient erreicht.

Wenn ein autokratisch geführter Konzern auf den Druck der Medien allen Mitarbeitern jede Äußerung über ihren Arbeitsplatz verbietet, um einen Skandal über Spitzeleien klein zu halten, dann mag das sehr effizient geschehen - doch ist das auch die richtige Reaktion der Führung? Ist es effektiv, Mitarbeitern den Mund zu verbieten?

Tunnelblick durch institutionalisierte Messungen

Wenige können heute die Umwelt ihrer Organisation nicht mehr überblicken. Wenige haben kein vollständiges Bild mehr dessen, was draußen geschieht; vor allem haben wenige kein vollständiges Bild mehr von dem, was drinnen geschieht.

image Organisationen sind keine Versammlungen von Gleichgetakteten. Ihre Mitglieder sehen sich als Individuen mit einem eigenen, auch von der Organisation zu berücksichtigenden Willen. Organisationen sollten das jedoch nicht als Nachteil sehen, sondern auch die andere Seite der Medaille "Individuum" erkennen: Individuen sammeln über ihre unmittelbaren Anweisungen hinaus Daten. Einfach so.

Jeder Mitarbeiter ist also nicht nur als Willensträger potenzieller Querulant, sondern darüber hinaus wertvoller potenzieller Informant. Man muss ihn nur zu Wort kommen lassen.

Wer weiß über den Markt Bescheid? Das Marketing? Wer weiß über die Zufriedenheit der Kunden bescheid? Der Vorstand? Wer weiß über die Verschwendung an Ressourcen in der Produktion Bescheid? Der Abteilungsleiter des Lagers? Oder der Einkauf?

Dass der Autokrat nicht alles weiß, weiß selbst der Autokrat. Deshalb baut er zur Informationsgewinnung ein bürokratische Systeme auf: Controlling, Score Cards, Reviews, Vorschlagswesen, Kummerkasten...

Klingt gut - funktioniert aber nur begrenzt. Solche Messinstrumente messen nämlich nur, was der Autokrat vorher zu messen gewünscht hat. Und das messen sie auch noch ineffizient.

Institutionalisierte Messungen draußen und drinnen sind somit nicht wirklich sensibel und proaktiv. Ihr Raster ist genauso vorgegeben wie ihre Abtasthäufigkeit. Das wirklich Unerwartete, Neue, Innovative, also das wirklich wertvolle hat durch diese Kanäle kaum eine Chance, zum Homunkulus vorzudringen. Intitutionalisierte Messung ist schmalbandig.

Schmalbandigkeit ist nun allerdings das komplette Gegenteil davon, wie es im Leben zugeht. Leben ist breitbandig. Immer und überall passiert etwas. Wer da meint zu wissen, auf welchen Kanälen Relevantes geschieht, ist in der heutigen Welt zumindest naiv. So mag es früher gewesen sein. Heute hingegen mag die Idee eines Laufburschen aufgrund einer Zeitungsnotiz mehr Relevanz haben, als die letzte Börsenanalyse. Naiv, wer meint, solche Ideen über intitutionalisierte Messungen einfangen zu können. Arrogant, wer meint, auf solche Ideen verzichten zu können.

Die Welt ist zu vernetzt und zu schnelllebig, als dass autokratische Zentralen ihre Organisationen wie früher durch den Markt lenken könnten. Auf eine komplexe Umwelt kann nur eine komplexe Führung angemessen reagieren. Autokratische Führung ist per Definition jedoch nicht komplex. Je komplexer die Umwelt wird, desto mehr schrumpft ihre Wahrnehmung auf einen Tunnelblick.

Effektive Führung braucht die Gemeinschaft

Komplexität kann nur durch Komplexität bewältigt werden. Wenn die Komplexität in der Umwelt durch Vernetzung steigt, muss die Organisation darauf mit Komplexitätszuwachs in der Führung antworten.

Diesen Komplexitätszuwachs kontrollieren zu wollen, wäre dabei ein Widerspruch in sich. Er sollte nicht kontrolliert, sondern nur in einem Forum zweckgerichtet stattfinden. Ein solches Forum bietet die Soziokratie.

Ihr Credo lautet: Versammle die Menschen einer Organisation in soziokratischen Kreisen, um dort spontan die zur Führung nötige Komplexität entstehen zu lassen. Wo Menschen gleichberechtigt zusammenkommen, da vernetzen sie sich, da entsteht Komplexität.

Soziokratie ist doppelt leer. Ihr einziger Zweck ist die effektive und effiziente Führung von Organisationen angesicht steigender Komplexität. Soziokratie ist an der (Über)Lebensfähigkeit von Organisationen gelegen. Dafür sieht sie keinen anderen Weg, als die breite Beteiligung ihrer Mitglieder an den Führungsentscheidungen. Nur wo die Organisation "die Weisheit der Gemeinschaft" anzapft, dann kann sie für sich nachhaltig handeln.

Dass dabei auch noch die Zufriedenheit der Gemeinschaftsmitglieder steigt, weil sie sich anerkannt fühlen durch die Einbeziehung und Veranwortung, ist ein schöner Nebeneffekt. Oder: Warum zwischen Haupt- und Nebeneffekt unterscheiden? Im Grunde ist nicht zu entscheiden, wo die positiven Effekte beginnen. Führt die Partizipation aller an der Führung zu angemesseneren Reaktionen der Organisation und dadurch zu mehr Zufriedenheit? Oder führt mehr Zufriedenheit zu noch mehr Partizipation? Unterm Strich gilt: Geht es den Organisationsmitglieder in und mit der Organisation gut, so geht es auch der Organisation mit ihren Mitgliedern gut.

Indem die Soziokratie nicht einfach predigt, Organisationsmitglieder sollten auch gemeinschaftlich führen, sondern dafür eine ganz bestimmte Form jenseits des überkommenen Modells Demokratie definiert (Kreishierarchie, Kosent-Entscheidungen), integriert sie die Bedürfnisse sowohl der Individuen wie auch der Organisation. Beide sind aufeinander angewiesen, also müssen beide beachtet werden.

Autokratie stellt die Bedürfnisse der Autokraten und die des Unternehmens (Ganzes) über die der Individuen (Teile). Demokratie stellt die Bedürfnisse der Individuen (Teile) vorne an - lässt durch Effizenzmangel aber das Ganze aus dem Blick.

image Soziokratie nimmt Teile und Ganzes ernst. Denn in einer komplexen äußeren und auch inneren Welt kann das Ganze der Organisation nur noch wirklich effektiv sein, wenn es seine Teile wertschätzt und zu Wort kommen lässt. Das Ganze kann sich nicht mehr leisten, seine Teile zu ignorieren oder auch nur zu gängeln. Andererseits können sich die Teile nicht mehr leisten, sich dem Ganzen zu ergeben; und selbst wenn sie es könnten, sie wollen das ja auch nicht mehr.

So ist Soziokratie eine partizipatorische, integrative, ganzheitliche und systemische Methode zur Führung von Organisationen.

Samstag, 7. Februar 2009

Das Sozio in der Kratie

Soziokratie bedeutet ganz allgemein "Gemeinschaftsherrschaft".  Genaueres finden Sie hier und hier. An dieser Stelle soll es nur um einen näheren Blick auf die Gemeinschaft der Herrschaft, das Gemeinschaftliche gehen. Wie unterscheidet das "Sozio" in "Soziokratie" diese "Herrschaftsform" von anderen?

Autokratie

image Der Kontrast zur Autokratie könnte Größer nicht sein. Sie setzt klar auf die Herrschaft eines Einzelnen (oder ganz weniger) über viele. Einer sagt an, die Masse gehorcht. Das kann zwar sehr effizient sein - aber es gibt keine Garantie dafür, dass Bedürfnisse über die der Autokraten hinaus berücksichtigt werden. In der Definition von Autokratie findet sich kein Hinweis auf die Interessen der Befehlsempfänger. Sie sind allein vom Wohlwollen der Autokraten abhängig.

Demokratie

Aber was ist mit der Demokratie? Als Volksherrschaft ist sie der Gegenentwurf zur Autokratie. Sie nimmt für sich in Anspruch, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. (Zumindest derjenigen, die zum Volk gehören und eine Stimme haben.) Ist Demokratie damit nicht schon genug Herrschaft der Gemeinschaft? Warum die Unterscheidung zwischen Demokratie und Soziokratie?

Als Gegenentwurf zur Autokratie ist es das Hauptanliegen der Demokratie, vor allem den Makel der Autokratie ausmerzen: die Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der Befehligten. Demokratie ist daran gelegen, nicht die Wünsche weniger, sondern die Wünsche vieler, die der Mehrheit zu erfüllen.

Das hat allerdings einen Preis: Demokratie ist ineffizient.

Wenn einer bestimmt, sind viele unglücklich - aber die Umsetzung geht schnell, weil der eine bei Zuwiderhandlung seine Macht spielen lässt. Autokratie ist insofern oft gleichzusetzen mit Angstherrschaft.

Wenn viele bestimmen, sind viele glücklich - aber die Umsetzung dauert lange. Denn bis die Vielen eine tragfähige Mehrheit gebildet haben, vergeht einige Zeit.

Wo viele Menschen mit ihren Bedürfnissen ein Forum haben, da stellt sich schnell heraus, dass diese Bedürfnisse oft weit auseinandergehen. Im Extremfall gibt es soviele Bedürfnisse ausgedrückt in Meinungen, wie es Gemeinschaftsmitglieder gibt. Für eine Entscheidung des Volkes ist jedoch eine Mehrheit nötig. Die Gemeinschaft als soziales System muss einen erkennbaren eigenen Wunsch haben. Als Schwelle dafür wird gemeinhin die 50%-Marke gewählt: erst wenn 50% der Gemeinschaftsmitglieder plus ein weiteres (50%+1) für dieselbe Option stimmen ("einfache Mehrheit"), gilt das als Ausdruck eines gemeinschaftlichen Willens.

Jenachdem, wieviele Meinungen es in einer Gemeinschaft gibt, kann der Weg zur einfachen Mehrheit lang und steinig sein. Es gilt zumindest soviel Konsens unter den Gemeinschaftsmitgliedern zu entwickeln, dass 50%+1 Stimmen auf eine Option entfallen.

Wie die neuere Geschichte der Demokratie gezeigt hat, ist das jedoch ein Preis, den Gemeinschaften bereit sind zu zahlen. Der Gewinn an Chance zur breiten Bedürfnisberücksichtigung ist groß genug im Vergleich zum Verlust an Effizienz.

Grenzen der Demokratie

In der Entscheidung über viele Belange vom Verein bis zur Nation mag der Verlust an Effizienz tatsächlich nicht schwer wiegen. Verständlich sollte es jedoch sein, dass sich Demokratie angesichts dessen bisher nicht als Herrschaftsweise in Unternehmen eingebürgert hat.

Unternehmen müssen oft effizienter über ihre Grundsätze und ihre Politik entscheiden, als es ein Konsensprozess erlaubt.

Dazu kommt, dass ein Unternehmen qua Definition autokratisch ist, da es wenige Gründer bzw. Inhaber hat - die Gesellschafter -, die aufgrund ihres Eigentums an der Firma sich nicht so gern das Heft vom "Volk" aus der Hand nehmen lassen.

Aber die Demokratie findet nicht nur in ihrer Ineffizienz eine Grenze. Ein weiterer Nachteil erwächst aus ihrer Definition, die verwoben ist mit dem Mehrheitsbegriff. Demokratie ist nicht nur wörtlich Volksherrschaft, sondern praktisch Mehrheitsherrschaft.

Klingt ganz natürlich und nicht schlimm? Nun, das hängt vom Standpunkt ab: Wer zur Mehrheit gehört, der findet das nicht schlimm. Wer aber zur überstimmten Minderheit gehört... der mag sich grämen. Wo 50%+1 Gemeinschaftsmitglieder bestimmen, sind 50%-1 Gemeinschaftsmitglieder notwendig unzufrieden. Zwar haben sie ihre Chance gehabt - doch am Ergebnis ändert das nichts. Auch Demokratie erfüllt gewöhnlich die Wünsche von 50%-1 Gemeinschaftsmitglieder nicht.

Das muss kein Problem sein, aber es kann. Ob es zu einem Problem wird, ist den überstimmten Gemeinschaftsmitgliedern überlassen. Wie verhalten sie sich nach ihrer Niederlage zur mehrheitlich ausgewählten Entscheidungsoption?

"Guter Sportsgeist" gebietet natürlich den Glückwunsch an die Mehrheit und willige Fügung in den Beschluss. Demokratie erwartet von der Minderheit, dass sie nach der Niederlage die Mehrheit so unterstützt, als sei die Entscheidung für die Minderheitsmeinung gefallen.

Aber ist das realistisch? Im Großen und Ganzen scheint es gut genug zu funktionieren. Vom Verein bis zur Nation leben wir damit, dass die Minderheiten zumindest gut genug bei der Sache der Mehrheit mitmachen. Darüber hinaus jedoch... Der mehr oder weniger offene Widerstand von Minderheiten ist ein weiterer Grund, warum sich Demokratie nicht für den Einsatz in Organisationen anbietet, die kurzfristig Nutzen produzieren sollen.

Wo keine autokratische Macht herrscht, ist die Gefahr zu groß, dass, wer unterliegt, zu einem Widerstandsnest wird. Unberücksichtigte Wünsche verschwinden ja nicht. Sie verwandeln sich nur. Das ist innerhalb jedes Menschen so und kann bis zur psychischen Störung führen. Das ist auch so in sozialen Systemen.

Unterdrückte Wünsche, die nicht durch Macht über die Gemeinschaftsmitglieder kompensiert werden, suchen sich Ventile. Weitere Ineffizienz ist die Folge.

Von Demo zu Sozio

Autokratie ist effizient, aber ignorant der Gemeinschaft gegenüber. Demokratie ist ineffizient, aber gemeinschaftsorientiert; dennoch erfüllen sich die Wünsche von 50%-1 der Gemeinschaftsmitglieder nicht.image

Tertium non datur?

Der Anspruch der Soziokratie ist es, die Vorteile beider Führungsmodelle zu verbinden und ihre Nachteile zu vermeiden. Das hört sich natürlich wie die Quadratur des Kreises an.

Dass der Soziokratie dennoch eine Lösung gelingt, liegt in ihrem Verzicht auf Konsens.

Wie die Demokratie geht es der Soziokratie darum, dass nicht einfach so Wenige über Viele herrschen. Sie gibt also den Vielen ein Forum.

Wie dieses Forum dann jedoch Entscheidungen trifft, das ist ganz undemokratisch. Die Soziokratie fragt nämlich nicht nach der Zahl der Stimmen für eine Option. Ihr ist es egal, wer dafür ist. Sie interessiert sich auch nicht für platte Meinungen.

Für die Soziokratie zählen allein Argumente. Und zwar Gegenargumente. Ihr ist daran gelegen, Widerstände gegen Optionen aufzudecken. Und sind die Widerstände in Form substanzieller Gegenargumente geäußert, dann arbeitet die Soziokratie an ihrer Integration.

Die Gemeinschaft ist in der Soziokratie kein Gebilde, das mühsam geeinigt werden müsste. Sie ist vielmehr Menge von Sensoren, die wertvollen Input über Grenzen der Machbarkeit und Eignung von Entscheidungsoptionen liefern kann.

Eben das macht Soziokratie dann auch effizient. Ohne Konsenszwang kann sich die Gemeinschaft darauf konzentrieren, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Und zwar substanzielle Hindernisse, denn in der soziokratischen Gemeinschaft geht es ums sachliche Gegenargument. Negative Emotionen zu einer Option sind als Einstieg in die Diskussion willkommen - aber sie müssen dann auf substanzielle Widerstände zurückgeführt werden können.

Das geht aller Erfahrung nach deutlich schneller als die Erzielung eines Konsens. Das hält Widerstände sichtbar, statt sie durch Überstimmungsniederlage in den Untergrund zu treiben. Das nimmt gerade die negative Befindlichkeit jedes Gemeinschaftsmitgliedes ernst.

Soziokratie bezeichnet sich daher auch gern als "Herrschaft des Arguments". Wo bei der Demokratie letztlich nur das Kreuz auf einer Wahlkarte ohne jede Erklärung ausreicht, da wird die Soziokratie persönlich. Sie will es genau wissen, warum sich ein Gemeinschaftsmitglieder nicht gut mit einer zu fällenden Entscheidung fühlt. Denn nur das zählt. Egal wieviele dafür sind, am Ende ist jeder latente Widerstand ein potenzieller Keim für Ineffizienz im Tagesgeschäft der Organisation.

Autokratie interessiert sich nur für die wenigen Autokraten. Demokratie interessiert sich vor allem für die (anonyme) Mehrheit.

Soziokratie integriert beide Sichtweisen in einer Gemeinschaft, die jedem Einzelnen mit seinen Gegenargumenten Gehör schenkt.

Freitag, 6. Februar 2009

Führung vs. Tagesgeschäft

Um zu verstehen, wo Soziokratie sich in einer Organisation verortet, ist es nützlich, das was Organisationen so tun, in zwei ganz unterschiedliche Kategorien zu scheiden:

  • Führung
  • Operatives Geschäft, Linie, Tagesgeschäft

image Diese beiden Tätigkeitskategorien oder Organisationsaspekte sind in den üblichen Organigrammen vermischt. Das ist ein Teil der Schwierigkeit von Soziokratie, sich verständlich zu machen. Deshalb hier die klare Trennung:

Tagesgeschäft

Zweck von Organisationen ist das, was sie im operativen Geschäft tun: sie produzieren Schuhe, lehren Schüler, bieten Menschen Unterkunft, klären Verbrechen uvm. Wertschöpfung in irgendeiner Form ist das Tagesgeschäft von Organisationen. Dazu werden sie gegründet. Wo vorher weniger war, da ist durch ihre Tätigkeit später mehr.

Organisationen erfüllen die Anforderungen von Nutzern. Das sind funktionale Anforderungen und nicht funktionale. Eine  funktionale Anforderung an ein Restaurant ist die Zubereitung einer Speise; ihre funktionalen Zwecke sind Sättigung und Nahrhaftigkeit. imageEine nicht funktionale Anforderung wäre in diesem Fall zum Beispiel ein guter Geschmack oder Frische. Verbrecher sollen nicht nur geschnappt, sondern auch schnell und zuverlässig geschnappt werden. Eine Telefonauskunft soll nicht nur überhaupt erteilt werden, sondern auch zügig, selbst wenn hunderte Anrufer gleichzeitig danach verlangen.

Dazu kommen Tätigkeiten, die die "Nutzenproduktion" unterstützen. Buchhaltung, Reinigung, Sicherheit gehören dazu.

Tagesgeschäft ist, was innerhalb einer gegebenen Organisationsform und innerhalb eines gegebenen Regelrahmens abläuft. Tagesgeschäft führt aus, arbeitet ab, produziert.

Und da nicht jedes einzelne Organisationsmitglied im Tagesgeschäft alle Informationen besitzt, um seine Arbeit selbst optimal einzuteilen, muss das Tagesgeschäft koordiniert werden. Der Außendienstleiter teilt seine Außendienstmitarbeiter nach Lage der Verkaufszahlen ein. Der Brandmeister weist seinen Feuerwehrmännern Aufgaben nach Einsatzlage zu. Der Restaurantchef hält seine Kellner im wahrsten Sinneimage des Wortes am Laufen. Der Handwerks-meister sorgt dafür, dass seine Gesellen und Lehrlinge auf dem Bau alle etwas zu tun haben.

Die Organisation dieses Tagesgeschäftes ist ganz unterschiedlich. Kleine Gruppen koordinieren sich selbst, größere werden durch einen Leiter koordiniert. Befehlshierarchien sind die Norm. Eine (mehr oder weniger) autokratische Organisation ist einfach sehr effizient, wenn klar ist, was getan werden soll. Solange einer den Überblick hat, soll er auch ansagen. Dann kann er im Sinne der Organisationsgrundsätze koordinieren, um Wert zu schöpfen bzw. die Organisation am Laufen zu halten.

Hier ist Soziokratie nicht im Spiel. Mit Soziokratie koordinieren Sie das Tagesgeschäft nicht. Im Tagesgeschäft tut eine Organisation einfach, was zur Erreichung ihres Zwecks nötig ist. Die Linie setzt um, was ihr die Führung aufgeträgt.

Führung

Kategorisch zu trennen vom Tagesgeschäft der Organisation ist die Führung der Organisation. Führung "tut nicht", sondern definiert die Rahmenbedingungen für das Tun. Sie sind die Handläufe, Leitlinien, Grundsätze für das Tagesgeschäft.

In einem Call Center könnte ein Grundsatz lauten, "Jeder Anruf wird spätestens nach 30 Sekunden beantwortet." Aufgabe des Tagesgeschäftes ist es dann, diesen Grundsatz einzuhalten.

Die Firmenpolitik einer Druckerei könnte sein, möglichst ökologisch zu produzieren. Das hat Einfluss auf den Einkauf von Papier und Farbe und Maschinen. Und auch Marketing und PR werden dadurch geführt.

Führung stanzt aus dem, was grundsätzlich möglich wäre, um den Unternehmenszweck zu erfüllen, sozusagen einen Spielraum aus, in dem sich das operative Geschäft gewegen darf.

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Führung legt die Organisationspolitik fest. Sie ist wie ein Magnet, auf den sich alles Tun ausrichtet. Ihre vornehmste Aufgabe ist es, alle Aktivitäten ihrer Mitglieder kohärent zu machen.

Bei Führung geht es eher um das Was als um das Wie. "Wir wollen das beste Restaurant für französische Fischgerichte sein!" definiert, was die Geschäftsführung erreichen möchte. Wie die tägliche Umsetzung dieser Vision aussieht, ist dann Sache von Chefkoch und Restaurantleiter im operativen Geschäft. Der eine entscheidet über den Einkauf der dafür geeigneten Zutaten und kreiert anbetungswürdige Menüs, der andere entscheidet über Einsatzplan des Personals und empfängt die Gäste. Beide koordinieren, wasimmer zu tun ist, um das Restaurant zum besten für französische Fichgerichte zu machen.

Die Führung einer Organisation und die Koordination einer Organisation sind mithin zwei ganz unterschiedliche Aspekte. Führung bedingt zwar die Koordination, Letztere ist insofern also abhängig von Ersterer. Doch innerhalb ihrer "Hoheitsgebiete" sind beide frei. Deshalb können sie auch als unterschiedliche Dimensionen der Tätigkeiten in einer Organisation angesehen werden:

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Rollenspiele

In den meisten Organisationen sind die Aufgaben der Führung und der Koordination klar getrennt: hier die Geschäftsführung, der Vorstand, der Aufsichtsrat, das Management; dort die Linienabteilungen mit ihren Leitern und den Ausführenden.

imageimageDie meisten Menschen in einer Organisation haben danach eine klare Rolle: entweder sie führen oder sie werden geführt. Entweder sie bestimmen die Organisationspolitik und -grunsätze oder sie werden danach koordiniert.

Je nach Größe einer Organisation können dieselben Personen allerdings auch sowohl eine Führungsrolle wie eine Rolle im operativen Geschäft spielen. Der Meister eines Handwerksbetriebs ist oft z.B. auch sein Geschäftsführer; er bestimmt also nicht nur die Geschäftspolitik, sondern ist auch noch im Tagesgeschäft mit auf der Baustelle.

Für ein Verständnis der Soziokratie ist es allerdings hilfreich, die Rollen "Führer" und "Geführter" klar zu trennen. Tun, Denken, Fühlen, Sichtweise, Interessenlage unterscheiden sich in beiden Rollen stark.

Führung reflexiv

Führung ist auch eine Tätigkeit im Sinne des Organisationszwecks. Auch sie braucht daher Grundsätze. Ein solcher Grundsatz könnte zum Beispiel lauten, dass Entscheidungen über die Gewinnverwendung immer mit der ganzen Belegschaft abgestimmt werden.

Führung ist daher auch immer reflexiv, d.h. Führung führt nicht nur das Tagesgeschäft durch Rahmenbedingungen, sondern auch sich selbst.

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Diskussion der Begrifflichkeit

Ist es denn nicht aber so, dass ein Meister seine Gesellen auf der Baustelle auch führt? Führt nicht jeder Abteilungsleiter seine Abteilungsmitarbeiter? Findet Führung nicht auch im Tagesgeschäft statt?

Die Fragen mögen Sie sich stellen, wenn Sie den Erklärungen bis hierhin gefolgt sind. Die einfache Antwort darauf lautet auch: Ja, jeder, der anderen sagt, was sie tun sollen, führt auch. Zumindest im ganz allgemeinen Wortsinn.

Zum Verständnis der Soziokratie ist jedoch eine klare Unterscheidung wichtig zwischen dem, was das Management tut und dem, was die Linie tut. Wenn auf beiden Seiten geführt wird, dann kann sich Soziokratie nicht so einfach verorten. Führung auf allen Seiten, auf allen Ebene verwässert das Bild einer Organisation.

Statt nun aber zu dem, was das Management tut, "managen" zu sagen, scheint der deutsche Begriff "führen" naheliegender. Steuern ist zu sehr mit der Arbeit an Maschinen verknüpft; leiten scheint "zu schwach".

Im Englischen gibt es neben Management noch Governance und Leadership. Beides Begriffe, die mit dem, was hier als Führung bezeichnet wird, zu tun haben. Als Verben taugen sie jedoch wenig, selbst wenn sich "managen" schon in die deutsche Sprache eingeschlichen hat.

So scheinen einstweilen Führen und Führung geeignete Begriffe für das, was "der Kopf" einer Organisation tut. Und Koordination ist das, was stattfindet in der Linie. Koordination ist ein unbelastetes Wort und beschreibt recht genau, was höhere Hierarchieebenen im Tagesgeschäft tun: sie weisen ihre "Untergebenen" in einer Weise an, dass ein geordnetes Ganzes zum Vorteil von Organisation und Nutznießern entsteht.

Führung beobachtet, plant, entscheidet; Linie führt aus, koordiniert, verwaltet.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Über Soziokratie lesen

Auch wenn die Soziokratie schon einige Jahrzehnte alt ist, hat sie es noch nicht zu "flächendeckender Berichterstattung" gebracht. Soziokratie oder SKM für Soziokratische KreisMethode fristet eher noch ein Nischendasein in der öffentlichen Wahrnehmung. Dennoch können Sie aber natürlich etwas über Soziokratie außerhalb dieses Blogs lesen.

  • Die soziokratischen Zentren bieten auf ihren Seiten online Dokumente, in denen Sie etwas über die Grundzüge der imageSoziokratie erfahren. Hier zum Beispiel einige Dokumente des deutschen Zentrums.
  • Es gibt auch ein sehr lesenswertes Buch: "We the People" von John Buck. Es berichtet über die Geschichte der Soziokratie und erklärt die soziokratische Methode.
  • Das Wirtschaftsmagazin brand eins hat der Soziokratie imageauch einen Artikel gewidmet. Er zeichnet ein Stimmungsbild der "soziokratischen Bewegung" und lässt zurecht durchblicken, dass die Soziokratie bisher durchaus Schwierigkeiten hatte, sich zu erklären. Auch das ein Grund für dieses Blog, mehr und verständliche Informationen zu liefern.
  • Aus dem Blickwinkel der Softwarebranche beleuchten einige Blog-Artikel von Ralf Westphal die Soziokratie. Sie profitieren davon, dass die Softwareentwicklung Konzepte der Soziokratie ganz unabhängig von ihr schon lebt und dafür Begriffe hat.
  • Wer sich fragt, wie Soziokratie in kleinen Schritten eingeführt werden kann, ohne eine größere Zahl Menschen zunächst überzeugen zu müssen, der findet Hinweise in einem Artikel der Mitautorin von "We the People".
  • Verwandt mit der Soziokratie ist die Holakratie (Holacracy) von Brian Robertson. Das Whitepaper dazu ist lesenswert und erklärt manchen Aspekt der Soziokratie klarer als deren eigene Dokumente. Die Holakratie geht jedoch über die Soziokratie hinaus; sie ist keine Minimalmethode mehr.

Willkommen bei der Soziokratie

Haben Sie das Gefühl, das Unternehmen, in dem Sie arbeiten, würde nicht optimal geführt? Gute Ideen versanden, Impulse aus dem Markt werden nicht aufgenommen, Unzufriedenheit bei Kunden und Kollegen macht sich breit...

Oder sind Sie an der Führung einer Organisation als Vereinsvorsitzender oder Geschäftsführer beteiligt und haben das Gefühl, die Dinge klappen nicht so, wie Sie es sich vorstellen? Der Krankenstand ist hoch, Anweisungen werden nicht umgesetzt, der Markt scheint Ihnen zu entgleiten...

Dann sind Sie bei der Soziokratie richtig. Die Soziokratie hat Antworten auf viele kleine und große Probleme der Führung heutiger Organisationen. Dabei ist sie nicht von Gutmenschtum getrieben, sondern versucht sachlich und ernsthaft die Interessen des sozialen Systems "Organisation" mit denen der Menschen, die in ihm organisiert sind, überein zu bringen.

Allerdings geht Soziokratie einen anderen Weg als so mancher moderner Managementratgeber. Soziokratie steht für die Auffassung, dass sich sehr grundsätzlich an Führung etwas ändern muss, um Organisationen fit für immer variablere "Märkte" und immer anspruchsvollere Mitglieder wie Nutznießer zu machen. Mit Symptomkuren ist es nicht mehr getan.

Die Beiträge in diesem Blog stellen allerdings keine systematische Einführung in die Soziokratie dar. Sie sind vielmehr als Kommentare und "lautes Denken" rund um das Thema Soziokratie gedacht. Ressourcen für die weitergehende Beschäftigung entnehmen Sie bitte den beigefügten Listen.

Vielen Dank für Ihr Interesse an Soziokratie! Wir freuen uns auf einen anregenden Gedankenaustausch mit Ihnen hier im Blog und in anderen Foren.