Freitag, 6. Februar 2009

Führung vs. Tagesgeschäft

Um zu verstehen, wo Soziokratie sich in einer Organisation verortet, ist es nützlich, das was Organisationen so tun, in zwei ganz unterschiedliche Kategorien zu scheiden:

  • Führung
  • Operatives Geschäft, Linie, Tagesgeschäft

image Diese beiden Tätigkeitskategorien oder Organisationsaspekte sind in den üblichen Organigrammen vermischt. Das ist ein Teil der Schwierigkeit von Soziokratie, sich verständlich zu machen. Deshalb hier die klare Trennung:

Tagesgeschäft

Zweck von Organisationen ist das, was sie im operativen Geschäft tun: sie produzieren Schuhe, lehren Schüler, bieten Menschen Unterkunft, klären Verbrechen uvm. Wertschöpfung in irgendeiner Form ist das Tagesgeschäft von Organisationen. Dazu werden sie gegründet. Wo vorher weniger war, da ist durch ihre Tätigkeit später mehr.

Organisationen erfüllen die Anforderungen von Nutzern. Das sind funktionale Anforderungen und nicht funktionale. Eine  funktionale Anforderung an ein Restaurant ist die Zubereitung einer Speise; ihre funktionalen Zwecke sind Sättigung und Nahrhaftigkeit. imageEine nicht funktionale Anforderung wäre in diesem Fall zum Beispiel ein guter Geschmack oder Frische. Verbrecher sollen nicht nur geschnappt, sondern auch schnell und zuverlässig geschnappt werden. Eine Telefonauskunft soll nicht nur überhaupt erteilt werden, sondern auch zügig, selbst wenn hunderte Anrufer gleichzeitig danach verlangen.

Dazu kommen Tätigkeiten, die die "Nutzenproduktion" unterstützen. Buchhaltung, Reinigung, Sicherheit gehören dazu.

Tagesgeschäft ist, was innerhalb einer gegebenen Organisationsform und innerhalb eines gegebenen Regelrahmens abläuft. Tagesgeschäft führt aus, arbeitet ab, produziert.

Und da nicht jedes einzelne Organisationsmitglied im Tagesgeschäft alle Informationen besitzt, um seine Arbeit selbst optimal einzuteilen, muss das Tagesgeschäft koordiniert werden. Der Außendienstleiter teilt seine Außendienstmitarbeiter nach Lage der Verkaufszahlen ein. Der Brandmeister weist seinen Feuerwehrmännern Aufgaben nach Einsatzlage zu. Der Restaurantchef hält seine Kellner im wahrsten Sinneimage des Wortes am Laufen. Der Handwerks-meister sorgt dafür, dass seine Gesellen und Lehrlinge auf dem Bau alle etwas zu tun haben.

Die Organisation dieses Tagesgeschäftes ist ganz unterschiedlich. Kleine Gruppen koordinieren sich selbst, größere werden durch einen Leiter koordiniert. Befehlshierarchien sind die Norm. Eine (mehr oder weniger) autokratische Organisation ist einfach sehr effizient, wenn klar ist, was getan werden soll. Solange einer den Überblick hat, soll er auch ansagen. Dann kann er im Sinne der Organisationsgrundsätze koordinieren, um Wert zu schöpfen bzw. die Organisation am Laufen zu halten.

Hier ist Soziokratie nicht im Spiel. Mit Soziokratie koordinieren Sie das Tagesgeschäft nicht. Im Tagesgeschäft tut eine Organisation einfach, was zur Erreichung ihres Zwecks nötig ist. Die Linie setzt um, was ihr die Führung aufgeträgt.

Führung

Kategorisch zu trennen vom Tagesgeschäft der Organisation ist die Führung der Organisation. Führung "tut nicht", sondern definiert die Rahmenbedingungen für das Tun. Sie sind die Handläufe, Leitlinien, Grundsätze für das Tagesgeschäft.

In einem Call Center könnte ein Grundsatz lauten, "Jeder Anruf wird spätestens nach 30 Sekunden beantwortet." Aufgabe des Tagesgeschäftes ist es dann, diesen Grundsatz einzuhalten.

Die Firmenpolitik einer Druckerei könnte sein, möglichst ökologisch zu produzieren. Das hat Einfluss auf den Einkauf von Papier und Farbe und Maschinen. Und auch Marketing und PR werden dadurch geführt.

Führung stanzt aus dem, was grundsätzlich möglich wäre, um den Unternehmenszweck zu erfüllen, sozusagen einen Spielraum aus, in dem sich das operative Geschäft gewegen darf.

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Führung legt die Organisationspolitik fest. Sie ist wie ein Magnet, auf den sich alles Tun ausrichtet. Ihre vornehmste Aufgabe ist es, alle Aktivitäten ihrer Mitglieder kohärent zu machen.

Bei Führung geht es eher um das Was als um das Wie. "Wir wollen das beste Restaurant für französische Fischgerichte sein!" definiert, was die Geschäftsführung erreichen möchte. Wie die tägliche Umsetzung dieser Vision aussieht, ist dann Sache von Chefkoch und Restaurantleiter im operativen Geschäft. Der eine entscheidet über den Einkauf der dafür geeigneten Zutaten und kreiert anbetungswürdige Menüs, der andere entscheidet über Einsatzplan des Personals und empfängt die Gäste. Beide koordinieren, wasimmer zu tun ist, um das Restaurant zum besten für französische Fichgerichte zu machen.

Die Führung einer Organisation und die Koordination einer Organisation sind mithin zwei ganz unterschiedliche Aspekte. Führung bedingt zwar die Koordination, Letztere ist insofern also abhängig von Ersterer. Doch innerhalb ihrer "Hoheitsgebiete" sind beide frei. Deshalb können sie auch als unterschiedliche Dimensionen der Tätigkeiten in einer Organisation angesehen werden:

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Rollenspiele

In den meisten Organisationen sind die Aufgaben der Führung und der Koordination klar getrennt: hier die Geschäftsführung, der Vorstand, der Aufsichtsrat, das Management; dort die Linienabteilungen mit ihren Leitern und den Ausführenden.

imageimageDie meisten Menschen in einer Organisation haben danach eine klare Rolle: entweder sie führen oder sie werden geführt. Entweder sie bestimmen die Organisationspolitik und -grunsätze oder sie werden danach koordiniert.

Je nach Größe einer Organisation können dieselben Personen allerdings auch sowohl eine Führungsrolle wie eine Rolle im operativen Geschäft spielen. Der Meister eines Handwerksbetriebs ist oft z.B. auch sein Geschäftsführer; er bestimmt also nicht nur die Geschäftspolitik, sondern ist auch noch im Tagesgeschäft mit auf der Baustelle.

Für ein Verständnis der Soziokratie ist es allerdings hilfreich, die Rollen "Führer" und "Geführter" klar zu trennen. Tun, Denken, Fühlen, Sichtweise, Interessenlage unterscheiden sich in beiden Rollen stark.

Führung reflexiv

Führung ist auch eine Tätigkeit im Sinne des Organisationszwecks. Auch sie braucht daher Grundsätze. Ein solcher Grundsatz könnte zum Beispiel lauten, dass Entscheidungen über die Gewinnverwendung immer mit der ganzen Belegschaft abgestimmt werden.

Führung ist daher auch immer reflexiv, d.h. Führung führt nicht nur das Tagesgeschäft durch Rahmenbedingungen, sondern auch sich selbst.

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Diskussion der Begrifflichkeit

Ist es denn nicht aber so, dass ein Meister seine Gesellen auf der Baustelle auch führt? Führt nicht jeder Abteilungsleiter seine Abteilungsmitarbeiter? Findet Führung nicht auch im Tagesgeschäft statt?

Die Fragen mögen Sie sich stellen, wenn Sie den Erklärungen bis hierhin gefolgt sind. Die einfache Antwort darauf lautet auch: Ja, jeder, der anderen sagt, was sie tun sollen, führt auch. Zumindest im ganz allgemeinen Wortsinn.

Zum Verständnis der Soziokratie ist jedoch eine klare Unterscheidung wichtig zwischen dem, was das Management tut und dem, was die Linie tut. Wenn auf beiden Seiten geführt wird, dann kann sich Soziokratie nicht so einfach verorten. Führung auf allen Seiten, auf allen Ebene verwässert das Bild einer Organisation.

Statt nun aber zu dem, was das Management tut, "managen" zu sagen, scheint der deutsche Begriff "führen" naheliegender. Steuern ist zu sehr mit der Arbeit an Maschinen verknüpft; leiten scheint "zu schwach".

Im Englischen gibt es neben Management noch Governance und Leadership. Beides Begriffe, die mit dem, was hier als Führung bezeichnet wird, zu tun haben. Als Verben taugen sie jedoch wenig, selbst wenn sich "managen" schon in die deutsche Sprache eingeschlichen hat.

So scheinen einstweilen Führen und Führung geeignete Begriffe für das, was "der Kopf" einer Organisation tut. Und Koordination ist das, was stattfindet in der Linie. Koordination ist ein unbelastetes Wort und beschreibt recht genau, was höhere Hierarchieebenen im Tagesgeschäft tun: sie weisen ihre "Untergebenen" in einer Weise an, dass ein geordnetes Ganzes zum Vorteil von Organisation und Nutznießern entsteht.

Führung beobachtet, plant, entscheidet; Linie führt aus, koordiniert, verwaltet.

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